60-10-V-G Gemeinsamer Teil – Ronja Hesse, Kevin Kunze, Marcus Lamprecht, Isabel Schön

Geschlecht: weiblich

An unsere jeweiligen Einzelbewerbungen schließen wir einen gemeinsam ausgearbeiteten Teil unserer Bewerbung an. Wir machen das, weil wir euch damit auch an unseren strukturellen Überlegungen teilhaben lassen wollen. In unserem gemeinsamen Teil möchten wir neben dem aktuellen Zustand des Hochschulwesens auch in den Blick nehmen, wie es sein könnte, welche Herausforderungen wir in der nächsten Zeit sehen und wie wir den fzs in diesem Komplex von Herausforderungen wahrnehmen.

Hochschulstruktur

Die Hochschulen sind ökonomisiert auf allen Ebenen: Der Staat steuert die Hochschulen über Anreizfinanzierung und projektbasierte Mittelvergabe und schafft so einen künstlichen Wettbewerb, Unternehmen gewinnen an Einfluss, indem sie Drittmittel vergeben, die Rektorate fungieren zunehmend als Manager*innen, welche sich von den stetig neu zu wählenden Hochschulgremien lediglich einzelne Entscheidungen punktuell bestätigen lassen. Diese Gremien sind per Gesetz größtenteils mit, aufgrund der Kontrollmöglichkeit über Forschungsmittel, Zulagen, Arbeitsbedingungen und –verhältnisse, vom Präsidium bzw. Rektorat abhängigen Hochschulmitgliedern besetzt. Zudem genießen die Professor*innen als kleinste Statusgruppe das Privileg einer Mehrheit im Gremium. Dazu kommen Hochschul- und Stiftungsräte, welche einerseits eine Verankerung des vermeintlichen Elfenbeinturms Hochschule in der Gesellschaft und damit – von Hochschulmitgliedern wenig legitimierte – Kontrolle des Handelns der Hochschule gewährleisten sollen. Andererseits sollen sie zum Ausgleich der staatlich verordneten Unterfinanzierung Zugriff auf finanzstarke wirtschaftliche oder renommierte wissenschaftliche Netzwerke zur Akquise von Drittmitteln ermöglichen.

Diese Situation hat massive Auswirkungen auf Wissenschaft und wissenschaftliche Arbeit, welche sich zunehmend an Verwertbarkeit orientiert. Wissenschaftler*innen und Student*innen arbeiten mehr an sich als Humankapital, als an wissenschaftlicher Erkenntnis und Bildung. Diese Entwicklung bezahlen Individuen nicht selten mit Stress und Burnouts, während sich in der Gesellschaft als Ganze in Reaktion auf allgegenwärtige Konkurrenz autoritäre und faschistische Tendenzen ausweiten.

Studienstruktur

Auch in der Art, in der das Studium organisiert ist, machen sich diese gesellschaftlichen Trends bemerkbar. Neunzehn Jahre nach dem als „Der Europäische Hochschulraum“ betitelten, auch als „Bologna-Erklärung“ bezeichneten, Papier, welches in Bologna von zahlreichen europäischen Bildungsminister*innen unterzeichnet wurde, ist die darauffolgende Reform weitestgehend umgesetzt. Und auch wenn ihre Ziele nachweislich kaum erreicht wurden, sind ihre Prämissen und Imperative weiterhin bestimmend im Hochschulwesen. Damit untrennbar verbunden sind Schlagworte wie „Verschulung“ und „Employability“, ebenso wie das Konzept der unternehmerischen Hochschule, welche ihre Bildung an Marktzwänge anpasst, sich im Wettbewerb um verknappte Finanzmittel behaupten muss und durch einen zentralisierten, überbürokratisierten, entdemokratisierten Kontrollapparat ihre Mitglieder – vor allem die Student*innen – nach ihrer Verwertbarkeit kategorisiert, bewertet, sortiert, letztlich auch diszipliniert und damit an Märkte und marktbestimmte Konformitätsvorstellungen anzugleichen versucht.

Studieren und Forschen

Für Student*innen äußert sich dies in enormem Leistungsdruck. Ständig stehen Prüfungen und die Sorge um Noten, durch die sie mit anderen Student*innen verglichen und in Wettbewerb gesetzt werden, auf der Tagesordnung. Wenn man bei einer Prüfung krank war, sind oft Stunden beim zuständigen Prüfungsamt notwendig, um den Ausfall anerkannt zu bekommen und die Prüfung wiederholen zu dürfen.

Doch nicht nur der Alltag an der Hochschule direkt, sondern auch darüber hinaus ist äußerst anstrengend für Student*innen: Denn wer nicht nur auf die Verbesserung der eigenen ’Employability‘ konzentriert ist, möchte auch etwas Zeit für soziales, kulturelles oder politisches Engagement innerhalb oder außerhalb der Hochschule aufwenden können. Für einen Großteil der Student*innen, die sich ihr Leben mit Hilfe von Nebenjobs aber noch finanzieren müssen, allerdings unschaffbar. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt trägt nicht gerade zur Verbesserung dieser Lebenslagen bei. Eine derart prekäre Situation für Studierende reproduziert und verschärft zudem soziale Ausschlüsse und Diskriminierung. Besonders Studierende ohne akademischen Hintergrund sind an Hochschulen noch stark unterrepräsentiert, nicht zuletzt weil überteuerte Mieten, Studiengebühren und restriktive Studienorganisation sie noch härter treffen. Auch Frauen* scheiden im Laufe der Zeit häufig aus einer Karriere an der Hochschule aus, vor allem aufgrund der prekären Arbeitsbedingungen und des verschärften Wettbewerbs in der traditionell männlichen Domäne Wissenschaft. Das Resultat ist, dass vor allem weiße Männer aus bestimmten sozialen Schichten die Professor*innenschaft bilden. Die männliche Dominanz in großen und vor allem in den prestigeträchtigen und einflussreichen Teilen der Hochschule reproduziert sich. Dies hat selbstredend auch Einfluss auf Studium und Lehre, auch wenn unter den Student*innen im Durchschnitt ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu finden ist.

Lernen

Was innerhalb und außerhalb des Studiums, das immer mehr auf die Steigerung der eigenen Arbeitsmarktkonformität ausgerichtet ist, häufig zu kurz kommt, ist der Forschungs- und Wissenschaftsbezug. Student*innen eignen sich einen großen Teil ihres Wissens über Auswendiglernen aus Lehrbüchern an, oder wiederholen ewig gleiche und ewig öde Fingerübungen bei der Produktion von meist irrelevanten Hausarbeiten. Für eine eigene Auseinandersetzung mit Themen, die eine*n selbst interessieren, bleibt kaum Raum. Dabei könnte ein Hochschulstudium genau das bieten: eine Möglichkeit, eigenen Interessen nachzugehen und sich kritisch mit sich und der Welt auseinanderzusetzen. (Hochschul-)Bildung und Wissenschaft haben das Potenzial, allen Individuen zu ermöglichen, ein kritisches Verhältnis zu sich und ihrer Umwelt zu entwickeln. Über Wissenschaft und Bildung erfahren wir die Welt und eignen sie uns an. Hochschulen sollten dem gerecht werden, einen verantwortungsvollen Umgang mit der Welt vermitteln und dazu befähigen, Missverhältnisse aufzubrechen. Dazu ist es notwendig, dass Hochschulbildung unter selbstbestimmten Bedingungen geschieht, ohne Druck und Einschränkungen durch Wirtschaft oder Staat. Um dies zu erreichen, muss einerseits die Struktur und die Rahmung, wie wir nach Bologna lernen, verändert werden, andererseits die Finanzierung der Universitäten massiv aufgestockt und von Grund auf neu strukturiert werden.

Aktuelles in der nächsten Legislatur

Zu vielen Aspekten dieser komplexen Gesamtsituation der (Hochschul-)Bildung arbeitet der fzs kontinuierlich in verschiedensten Formen und mit unterschiedlichen Bündnispartner*innen. Nebst den regelmäßig wiederkehrenden Aufgaben, wie politischer Bildung und Seminaren, Vernetzung mit Studierendenschaften und Landesvertretungen und vielem mehr, stehen in den nächsten 18 Monaten weitere wichtige Ereignisse auf der Tagesordnung. Dazu gehören unter anderem die Entwicklungen zum Hochschulpakt, welcher 2020 ausläuft. Die Ausarbeitung der Fortsetzung des Hochschulpaktes gilt es mit starken und fundierten studentischen Forderungen und am besten gemeinsam mit anderen hochschulpolitischen Akteur*innen zu begleiten.

Des weiteren finden in den kommenden anderthalb Jahren Landtagswahlen in Bayern, Hessen, Sachsen, in Brandenburg und in Thüringen statt, zu welchen wir gemeinsam mit Landesstudierendenvertretungen kritisch arbeiten werden. Besonders angesichts des weiteren Erstarkens der AfD sowie eines weiteren Rechtsruckes anderer Parteien werden diese Wahlen besonders relevant. Darüber hinaus werden im Frühjahr 2019 Europawahlen stattfinden, welche kritisch von einer starken studentischen Stimme begleitet werden müssen. Auch abseits der Wahlen wird die bildungspolitische Entwicklung des Europäischen Hochschulraumes, nach den Vorstößen von Macron, ein wichtiges Thema sein, zu dem der Ausschuss Internationales bereits wertvolle Arbeit geleistet hat, welche wir gemeinsam weiter ausbauen, fortführen und sichtbar machen möchten.

Schließlich wird auch die finale Phase der Novellierung des Hochschulgesetztes in NRW in die nächste fzs-Legislatur fallen, daher sollte der fzs das LAT NRW bei seiner Arbeit gegen die von der Landesregierung angegangen Rückschritte des Hochschul“freiheits“gesetzes weiter unterstützen.

Die Verstetigung des Engagements zu Wohnungsnot und der Bündnisarbeit zu diesem Thema, welche durch die Wohnraumkampagne angestoßen wurde, möchten wir weiter tragen. Sie greift hier schon angesprochene Problematiken der Unterfinanzierung und des prekären Studienalltags auf. Außerdem bietet die geplante Herbst-Kampagne gute Ansatzpunkte, um aufzuklären, zu vernetzen, Einsatz für diese Themen anzustoßen oder zu bestärken und studentische Forderungen zu bündeln und zu platzieren. Darum freuen wir uns, die Kampagne nach der Vorarbeit durch den amtierenden Vorstand mit zu realisieren.

Verbandsstruktur

Um die Interessen der Student*innen auf Bundesebene weiterhin wirkungsvoll und im besten Fall noch wirkungsvoller durchzusetzen, möchten wir die Stärken des Verbandes weiter ausbauen, sind uns aber auch einiger Arbeitsfelder bewusst, in denen etwas Nachholbedarf besteht. Durch die gute Vorarbeit der letzten Vorstände sehen wir die Möglichkeit, uns die Zeit zu nehmen, auch diese Schwächen weiter anzugehen.

     Mitgliederzentrierter fzs

Wir möchten die insgesamt positive Mitgliederentwicklung der letzten Jahre gerne fortsetzen und uns nicht nur mit dem weiteren Einbezug der aktuellen Mitglieder, egal ob aktiv oder momentan inaktiv, beschäftigen, sondern auch innerhalb der Studierendenschaften weiter für Gremienarbeit im fzs begeistern, ebenso wie für die Teilnahme an Kampagnen. Genauso möchten wir versuchen, auch Nichtmitglieder anzusprechen und bei konkreten Fällen Unterstützung anzubieten und für die inhaltliche und strukturelle Arbeit des Verbandes zu begeistern. Dabei gilt es, jeweils an den Problemen und Interessen vor Ort anzusetzen und aufzuzeigen, wo die Schnittmenge mit dem fzs liegen kann. Insbesondere Student*innen aus technischen und naturwissenschaftlichen Fächern sowie Studis an Fachhochschulen müssen sich in der Verbandsarbeit und im Ton des Verbandes ebenso wiederfinden, wie Geisteswissenschaftler*innen. Daher sollte auch diese Hürde genau in Betracht genommen und abgebaut werden.

Für den grundsätzlich mitgliederzentrierten Verband fzs sehen wir die Mitgliederversammlung als zentralen Ort und Zeitpunkt, um über bundesweit relevante Themen der Hochschulpolitik zu diskutieren und zu streiten, genau wie zur Vernetzung und zum Austausch über lokale Erfahrungen, Probleme und Tipps. Diese Rolle der Mitgliederversammlungen möchten wir gerne weiter hervorheben und uns damit beschäftigen, wie wir diese politische Kultur stärken können.

     fzs als Agenda-Setter*in und Interessensvertretung

Der fzs hat die Möglichkeit, durch seine Reichweite, die Mitglieder, die Verbandsaktiven und seine Bündnispartner*innen, Themen zu setzen, sofern der richtige Zeitpunkt und Rahmen gegeben ist. Es sollte sich nicht verloren werden in überstürzten Aktionen oder endlosen Kampagnen, die irgendwann im Sande verlaufen, sondern durch gute Vorbereitung und Einbezug aller relevanten Partner*innen die Kampagnenfähigkeit genutzt werden. Dabei muss allerdings immer klar sein, was der Verband als Bundesstruktur von Student*innenvertretungen selbst leisten kann und wobei er sinnvollerweise nur unterstützend tätig werden sollte.

Der Verband sollte seine Rolle als Diskussionspartner für hochschulpolitische Akteur*innen weiter wahrnehmen und ggf. intensivieren, ohne dabei allerdings den progressiven Anspruch zu verlieren. Ein Instrument dafür könnte der weitere Kontakt mit bestehenden und neuen Ansprechpartner*innen sein, ebenso wie eine gute Vernetzung mit anderen Verbänden und weitergehende gemeinsame Arbeit. In der öffentlichen Debatte sollte der fzs auch weiter die Rolle von Student*innen als Teil von Wissenschaftspolitik hervorheben, um auch zu diesem Thema gehört zu werden.

Um Gehör zu finden, ist ein guter Außenauftritt wichtig. Daher möchten wir uns genau anschauen, wie Argumente und Forderungen strukturiert und formuliert sein sollten, um eine möglichst hohe Resonanz zu erreichen. Nicht jedes Thema muss provokativ kommentiert werden. Auch gegenüber – und unter – den Mitgliedern möchten wir die Kommunikation stärken und uns anschauen, welche Mittel und Medien sich gut dafür eignen und zu welchen Themen eher nach innen, als nach außen gearbeitet werden sollte.

     fzs als Expert*in

Im Verband gibt es viel Know-How zu verschiedensten Themen. Das möchten wir einerseits noch besser kommunizieren, andererseits auch systematischer bündeln, um schnell zu wissen, wer zu welchem Thema was referieren, schreiben oder kommentieren kann. Das ermöglicht auch weitere Zusammenarbeit mit Bündnispartner*innen, genau wie Studierendenschaften. Teil dieser Rolle ist es auch, das Informationsmaterial zu bewerben und zu verbreiten, es aktuell zu halten und für jedes Thema das richtige Format und die richtige Zielgruppe zu finden. Nicht jeder Flyer ist für Studis außerhalb der Gremien interessant, genau wie nicht jede Broschüre HoPo-Referent*innen interessieren muss.

Besonders für die (potentielle) Basis des Verbandes ist das Seminarangebot wichtig. Die allesamt wichtigen und interessanten Seminare sollten daher immer früh und gut beworben werden. Dies kann beispielsweise auch durch die zielgruppenorientierte Ansprache, genau wie eine nachvollziehbare Kommunikation des Ablaufes und der Inhalte, erreicht werden. Dazu gehört aber auch, die Struktur der Seminare stetig zu evaluieren und zu verbessern, anstatt altbewährte Standardformeln immer wieder anzuwenden. Die Seminare müssen neben inhaltlichem Input und Workshop-Phasen ebenso Raum zur Vernetzung und zum Austausch außerhalb der organisierten Slots bieten, gerade weil dieser Aspekt von Studi-Vertreter*innen, deren Arbeit hauptsächlich vor Ort stattfindet, sehr gewinnbringend für die eigene Vertretungsarbeit sein kann.

Der fzs kann Student*innen in den aktuellen und chronischen Problemlagen eine Stimme geben: Er vernetzt verschiedene Studierendenvertretungen aus verschiedenen Orten und vertritt deren Interessen unabhängig von Parteizugehörigkeiten. Die Interessen der Student*innen als solche können im Verband gebündelt werden. Dies ist notwendig, denn alle Studierendenvertretungen stoßen auf Themen und Probleme in ihrem hochschulpolitischen Alltag, die oft auf größere Entwicklungen, breite öffentliche Debatten und Gesetzgebungen zurückzuführen sind. Als einzelne Studierendenvertretung kann dies nicht angegangen werden, gemeinsam aber entwickelt man größere Schlagkraft. Der fzs ist als Dachverband bereits etabliert und pflegt Kontakte auch zu anderen Akteur*innen im Hochschulkontext. Der fzs sollte ein Ort für eine politische Praxis sein, der niedrigschwellig und partizipativ, das heißt von den Mitgliedern und Verbandsaktiven gestaltet, organisiert ist.

Diese Bewerbung ist in gemeinsamen Diskussionen und gemeinsamem Schreiben zu viert entstanden. Wir haben uns schon intensiv miteinander ausgetauscht und können uns sehr gut vorstellen, diese Themen zusammen anzugehen und gut miteinander zu arbeiten! Wir freuen uns auf den Austausch mit euch und stehen auch vor der Mitgliederversammlung schon gerne für eure Fragen und Rückmeldungen zur Verfügung.

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