60-7-I-06 Kein Studium ohne Reflexion! Digitalisierung gewusst wie.

AntragstellerInnen:

Ausschuss Studienreform

Es gibt immer mehr Studierende in Fächern ohne Reflektionsangebot, häufig sind dies die Ingenieurwissenschaften. Insbesondere in den Zeiten der Digitalisierung spielt die Reflektion in den anwendungsorientierten Fächern eine große Rolle. Künstliche Intelligenz, Data Mining, Robotic, Autonomes Fahren, Vernetzte Welt und Big Data sind die Stichworte der Digitalisierung, die nicht nur auswendig gelernt und realisiert werden sollen, sondern hinterfragt werden müssen.

Viele Studiengänge sind vor allem auf technisch-fachliche und methodische Kompetenzen ausgerichtet. Es geht darum, die Student*innen in die Lage zu versetzten ein System zu entwerfen, zu optimieren und zu realisieren. Innerhalb dieser Konzeption des Studiums bleibt häufigsten die kritischen Reflexion eine Leerstelle. Die meisten Student*innen werden nicht dazu befähigt, kritisch über das eigene Handeln, das eigene Fach und die vermittelten Inhalte zu reflektieren. Mögliche gesellschaftliche Auswirkungen von vorgelesener Technik und Systemen sind nicht Teil des Studiums. Die Überlegung, welche Methodik an welcher Stelle genutzt wird, beschränkt sich ausschließlich auf die Frage, ob die Methode zu dem System passt. Die Frage, ob es sinnvoll ist bestimmte Modelle zu nutzen, wird hingegen nicht gestellt. Die Student*innen werden daher nicht befähigt, sich gar mit diesen Fragen zu befassen.

 

(1)    Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz In: Adorno: Gesammelte Schriften. Bd. X/2, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1977 https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=0ahUKEwi-s5LSubPcAhUEfFAKHVfTBGUQFggrMAA&url=https%3A%2F%2Fwww.staff.uni-giessen.de%2F~g31130%2FPDF%2Fpolphil%2FErziehungAuschwitzOffBrief.pdf&usg=AOvVaw3wOU4Y9U0-cxXxL9lB6qjZ

“Man wird weiter die Erwägung nicht von sich abweisen können, dass die Erfindung der Atombombe, die buchstäblich mit einem Schlag Hunderttausende auslöschen kann, in denselben geschichtlichen Zusammenhang hineingehört wie der Völkermord. Die sprunghafte Bevölkerungszunahme heute nennt man gern Bevölkerungsexplosion: es sieht so aus, als ob die historische Fatalität für die Bevölkerungsexplosion auch Gegenexplosionen, die Tötung ganzer Bevölkerungen, bereit hätte. Das nur, um anzudeuten, wie sehr die Kräfte, gegen die man angehen muss, solche des Zuges der Weltgeschichte sind.“ (1)

Wie schon im Aufsatz „Erziehung nach Auschwitz“ gefordert wird, soll entgegen eines verdinglichten Bewusstseins, gerade hinsichtlich der Fetischisierung der Technik eine Bildung zur Autonomie gesetzt werden. Im Konkreten heißt das, dass die kontextgebundene Anwendung von Fähigkeiten, etwa in den naturwissenschaftlichen Fächern mit ethischer Zielabschätzung vermittelt werden soll. Diese Zieleinschätzung steht immer im Kontext einer gesellschaftlichen Norm und soll das Handeln innerhalb als auch die Norm als solche in die Zielabschätzung einbeziehen.

Studentische Vertretungen versuchen in den Studiengang-gestaltenden Gremien immer wieder, derartige Module in den Studienplan aufzunehmen, doch verwehren sich viele Professor*innen dagegen, Ethik und die kritische Reflexion über das Fach sowie Zielabschätzungen in ihr Studium aufzunehmen, da sie die Relevanz für das Fach nicht sehen.

Der fzs fordert die Hochschulen auf, insbesondere in den technischen Fächern den Student*innen durch eine Konzeption der Fächer, die eben Kritische Weltaneignungen im Pflichtkanon enthalten, die Wichtigkeit von ethischem Denken nahezubringen und damit auch in den Freiräumen des Studiums diese Auseinandersetzung zu fördern. Die Student*innen, die die späteren Expert*innen in der Digitalisierung darstellen, müssen befähigt werden, kritisch über ihr Handeln reflektieren zu können. Eine reine Verschiebung dieses Themenkomplexes in den Wahlbereich wird der Relevanz des Themas nicht gerecht.

Der fzs fordert daher:

  1. Alle Studiengänge müssen verpflichtende Anteile zum kritischen Hinterfragen des Fachs und der Relevanz des eigenen Handelns beinhalten
  2. Die studienganggestaltenden Gremien dürfen Fähigkeiten die zum Erwerb kritischer Reflexionsfähigkeit und ethischem Handeln nicht mehr in den reinen Wahlbereich der
    Studienkonzeption rücken
  3. Stärkere Achtung der studentischen Positionen in den Studienkonzeptionen
Begründung:

Nicht nur in technischen Fächern bildet ein kritisches Hinterfragen des Fachs und des eigenen Handelns eine Lehrstelle, dennoch zeigst sich hier besonders deutlich ein Handlungsbedarf. „Eine Welt, in der Technik eine Schlüsselposition hat, bringt auf Technik eingestimmte Menschen hervor.“ (2) Das bedeutet Menschen sind geneigt, die Technik für die Sache und nicht als den verlängerten Arm des Menschen zu sehen. Wie sich dies im Studium darstellt, soll exemplarisch am Beispiel der Informatik gezeigt werden:

Viele Informatikstudiengänge konzentrieren sich insbesondere auf die fachlichen Kompetenzen - wie kann ein Algorithmus aufgebaut sein? Welche Techniken gibt es dafür? Was sind die mathematisch-theoretischen Grundlagen? Wie ist ein Netzwerk/Betriebssystem aufgebaut? Welche Techniken gibt es, um ein Netzwerk oder ein Betriebssystem zu schützen? Was ist eine Datenbank aufgebaut und wie funktioniert sie?

Die Gesellschaft für Informatik (kurz GI), die Fachgesellschaft für Informatik, hat in ihren Empfehlungen zur Gestaltung von Studiengängen bereits hervorgehoben, dass die ethischen Zusammenhänge und die Frage nach der gesellschaftlichen Auswirkung eine große Rolle in der Informatik spielen. Ebenso fordert die Konferenz der Informatikfachschaften (kurz KIF), die Bundesfachschaftentagung der Informatik, die Hochschulen ebenfalls auf, derartige Fächer in den Studienplan mitaufzunehmen. Wichtig ist hierbei, dass diese Module Teil des Pflichtkanons sein müssen, damit auch tatsächlich alle Studierenden sich mit diesem Thema auseinander setzen.

Sowohl die GI als auch die Studierendenvertretungen in Form der KIF haben also erkannt, dass es wichtig für Informatiker*innen ist, sich mit diesem Thema auseinander zusetzen. Wichtige Fragen beispielsweise wie autonomes Fahren gestaltet wird, wie in Zukunft mit künstlicher Intelligenz umgegangen wird und wie durch Datenschutz die Gefahren der Beeinflussung durch unterschiedlichste Institutionen verhindert werden können, werden zwar derzeit in der Politik andiskutiert, doch sie haben ihren Weg noch nicht in das Studium gefunden.

Es ist gefährlich die Gestaltung der Digitalisierung Menschen zu überlassen, die nur selten Kompetenzen im Bereich der kritischen Reflektion und der ethischen Auseinandersetzung mit ihrer Arbeit besitzen.

Ein weiteres Beispiel für die Notwendigkeit derartiger Module ist der Überwachungsskandal aufgedeckt durch Edward Snowden. Hier wurden Millionen von Menschen über Jahre hinweg durch unterschiedlichste Geheimdienste flächendeckend überwacht, die Daten gesammelt, Katalogisiert und ausgewertet. Die dafür nötigen System wurden durch Informatiker*innen entwickelt und umgesetzt. Derzeit wird im Informatikstudium nur an einzelnen wenigen ausgewählten Stellen vereinzelt in Ausnahmefällen kurzzeitig die Frage gestellt, ob eine bestimmte Systemeigenschaft notwendig oder sinnvoll ist - aus der Sicht des Datenschutzes. Hier wird die Verantwortung von den entwickelnden Informatiker*innen immer wieder auf die Nutzer*innen abgeschoben, obwohl dort die fachliche Kompetenz häufig fast vollständig fehlt.

Die Liste der Beispiele und ihre Ausführungen liese sich noch immer weiter fortsetzen. Es ist allerdings wichtig zu beachten, dass die grundsätzliche Problematik nicht nur in der Informatik Anwendung findet, sondern auch in anderen MINT-Fächern und in den Ingenieurwissenschaften. Die Entwicklung chemischer Kampfstoffe, Genetical Engineering oder die maschinelle Grundlage für autonome Waffensysteme und ihre Optimierung - das sind Beispiele aus der Chemie, Biologie und dem Maschinenbau, wo eine kritische Auseinandersetzung stattfinden muss, was leider bisher nicht immer so flächendeckend der Fall ist, wie es notwendig ist.

(2)    Ebd.

    Änderungsanträge

    Zeile AntragstellerInnen Text Begründung Verfahren
    1-2 Ausschuss Studienreform

    Ersetze: “Es gibt immer mehr Studierende in Fächern ohne Reflektionsangebot, häufig sind dies die Ingenieurwissenschaften.“ durch: “Immer mehr Student*innen studieren in MINT-Fächern. In diesen fehlt es allerdings oft an Reflektionsangeboten.“

    In den bisherigen Gesprächen hat sich gezeigt, dass eine Präzisierung nötig ist. Das soll mit dieser Änderung erreicht werden.
    64 AStA Uni Bonn u.a.

    Füge ans Ende des Textes an:

    „Langfristig möchten wir Reflexivität über das gesagte hinaus in allen Bereichen des Studiums verankern. Dazu verfolgen wir weiterhin das Ziel der Baukasten-Gesamthochschule wie sie im „Zukunftspapier Hochschultypen“ des fzs beschrieben wird.[1]

    [1] https://www.fzs.de/2014/11/05/zukunftspapier-hochschultypen/ “

    Die im Antrag enthaltenen Forderungen, Reflexivität nicht in den Randbereich des Studiums zu verdrängen, sind richtig und wichtig. Unser Ziel bleibt aber eine größere Umwälzung hin zu einem frei(r)en Studium. Daher sollte erwähnt werden, dass wir über die kurzfristige Einführung von Pflichtkursen hinaus das Modell der Baukasten-Gesamthochschule nach unserem Zukunftspapier verfolgen.

    Titel Ausschuss Studienreform

    Ersetze im Titel “Digitalisierung gewusst wie.“ durch:
    “Das E in MINT steht für Ethik.“

    Die bisherige Überschrift trägt der Zielsetzung des Antrags den besonderen Fehlstand von Ethik in MINT-Fächern darzustellen weniger Rechnung, dass soll präzisiert werden.

    Änderungsantrag zu 60-7-I-06 erstellen

    Zeile




    AntragstellerInnen



    (wird nicht veröffentlicht)

    (wird nicht veröffentlicht)

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