60-7-I-07 Offener Brief an Karliczek

AntragstellerInnen:

Vorstand

Die Mitgliederversammlung möge beschließen, den folgenden offenen Brief an die Bildungsministerin zu verschicken:

Sehr geehrte Frau Karliczek,

was für ein Verständnis haben Sie, wenn Sie von Bildung sprechen? Bei vielen ihrer vergangenen Äußerungen entsteht das Bild, dass Sie Bildung lediglich als einen Durchlaufstatus verstehen, der einen Menschen funktionsfähig machen soll. In dieser Vorstellung soll Bildung die Ideen dieser Menschen im Sinne einer marktlogischen Verwertung aufgreifen und Unternehmen und der Wirtschaft zugänglich machen. Das widerspricht dem worum es Bildung und Wissenschaft geht: Erkenntnisgewinn! Neben Erkenntnisgewinn darf Bildung und darf Wissenschaft ohne Zweck sein.

Sie werfen der Wissenschaft zu dem vor unverständlich zu sein und nicht mit der Gesellschaft kommunizieren zu können. Wissenschaft sollte in die Gesellschaft zurückspiegeln – ja, keine Frage. Wissenschaft spiegelt auch schon in die Gesellschaft zurück, weil Bildung und Wissenschaft an Hochschulen schließlich nicht unabhängig sondern in einem gesellschaftlichen Kontext existieren. Ob Wissenschaft nur im Rahmen technologischer Ideen oder auch in Form von kritischer Reflektion der Gesellschaft Erkenntnisse zurückspiegelt ist dabei zweitrangig. Wichtig ist, dass Wissenschaft Gesellschaft prägt, spiegelt und bildet.
Selbstredent sollte Wissenschaft verständlich sein, das ändert jedoch nichts daran, dass konkrete wissenschaftliche Diskurse mit spezifischen Begriffen arbeiten müssen, um sich tatsächlich austauschen zu können und Ideen weiter zu entwickeln – egal, ob es sich dabei um den Begriff der Ausgründung oder Gentrifizierung handelt.

Das einzige, was Sie bisher als Ministerin jedoch verlauten lassen ist, dass Bildung verwertbarer und für die Wirtschaft nutzbringender organisiert werden müsse. Doch genau dieser Weg wird seit Jahren eingeschlagen und hat effektiv vor allem dazu geführt, dass sich die Lage für alle Beteiligten nur weiter verschlimmert hat: Die Situation der Student*innen ist prekär, ebenso wie die der wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen, der Hilfskräfte und der Verwaltung. Die Gebäude sind alt, platzen aus allen Nähten, der Betreuungsschlüssel ist miserabel.

Das sind die Probleme die (seit Jahren) im Raum stehen, und auch seit Jahren nach hinten verschoben oder nur kurzfristig und nicht nachhaltig gelöst werden. Nun ist es nicht verwunderlich, dass das nicht funktioniert und sich die Situation an den Hochschulen und Universitäten nicht automatisch entspannt, Lehrkräfte nicht plötzlich unbefristete Arbeitsverhältnisse haben und weiterhin keine Gelder für Räumlichkeiten da sind.

Um diese Probleme anzugehen braucht es eine umfassende Umstrukturierung der Finanzierung von Hochschulen. Konkret: weg von wettbewerbsorientierten, kurzfristigen Förderungen, hin zu einer ausreichenden, absichernden Grundfinanzierung. Denn nur so kann Wissenschaft und Bildung auch ihrem eigenen Anspruch nach Erkenntnis wirklich gerecht werden, wenn es Platz zum denken und forschen gibt, der nicht durch ökonomische Zwänge eingeschränkt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Begründung:

Dieser offene Brief soll medienwirksam das populistische Verhalten der Ministerin thematisieren und kritisieren. Derzeit stößt die Bildungsminsiterin mit einem verwertungslogisch argumentierenden Bildungsbegriff medial vor. Diese Vorstellung, dass Bildungsinsitutionen nur noch resiliente Subjekte formen sollen, reiht sich in einen neoliberalen Bildungsbegriff der die Hochschulen zu Ideen-Dienstleistungsunternehmen macht. Diese Ideen-Dienstleitungsunternehmens hüllt Frau Karlizeck rhetorisch in den Mantel des Aufbrechens des „Elfenbeinturms“, und fordert, Wissenschaft müsse verständlicher für die Gesellschaft werden. Auch hier rückt Sie kontrafaktisch die Hochschule in eine gesellschaftlich abgetrennte Sphäre, was sie nicht ist. Die Hochschulen sind Teil der Gesellschaft, sind von ihr bedingt und bedingen sie. Das Bild der abgehobenen Wissenschaftler ist Wasser auf die Mühlen aller die, die gerade Wissenschaftsfeindlichkeit in der Gesellschaft propagieren. Das knappe Geld, was den Hochschulen zur Verfügung gestellt wird, soll so an einzelne forschungsorentierte Institute (in enger Kooperation mit wirtschaftlichen Unternehmen) gehen, aber nicht dorthin fließen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Die prekären Arbeitsbedingungen sind nicht das einzige Phänomen, in dem sich deutlich die Unterfinanzierung der Hochschulen zeigt. Auch hinsichtlich der Kapazitäten, in der Ausstattung und in der Bausubstanz zeigen sich wie viel Gelder fehlen. Das schlägt sich auch in Zahlen nieder, noch nie wurde so wenig Geld pro Studierenden ausgegeben. Doch wer gute Bildung, qualitativ hochwertige Forschung und Lehre fordert, wie Frau Karlizeck es immer wieder tut, muss auch Geld zur Verfügung stellen. Und obwohl die Dozierenden am Limit lehren und wir Studis am Limit studieren, sieht die Bildungsministerin keinen Bedarf die Gelder für die Hochschulen zu erhöhen. Und dabei bedarf es in beiden Bildungssträngen mehr Geld. Eben auf dem Rücken des Bildungssektors wird nun die Unterfinanzierung mit dem Argument ausgetragen, es sei kein Geld im Bundeshauhalt dafür vorgesehen, was auf Frau Karlizecks mangelnde Durchsetzungskraft in der Diskussion um den Bundeshaushalt zurück geht. (1) Dagegen setzt Frau Karlizeck wieder auf stärkere qualitätsgekoppelte Mittelvergabe. Dieser Versuch erweist sich nicht nur als unpraktikabel, sondern auch als falsch. Unpraktikabel deswegen, weil durch den ständigen Dokumentations- und Bewerbungszwang die Dozierenden nicht bessere Lehre oder Forschung betreiben, da ein Großteil der Arbeitszeit und -kraft in das Stellen von Anträgen und Schreiben von Berichten fließt. Falsch, da lediglich eine Finanzierung der Besten, nicht den Zustand des Bildungsniveaus insgesamt verbessert, also den Bildungseinrichtungen zugutekommt, die das Geld am dringendsten benötigen. Wir brauchen ein gut ausfinanziertes Bildungssystem, das auf eine Breitenförderung setzt und das sowohl normativ wie auch finanziell kritische Lehre ermöglicht. Um dieser bildungspolitischen Politik Karlizecks etwas entgegen zu setzten, wollen wir diesen offenen Brief beschließen, den wir breit medienwirksam öffentlich sichtbar machen.

(1) Nachdem sich der Etat des seit einigen Monaten von ihr geführten Ministeriums (BMBF) in der vergangenen Wahlperiode um rund vier Milliarden (27 Prozent) erhöht hatte, so sinken die Ausgaben für Bildung und Forschung in diesem Jahr auf 17,62 Milliarden Euro Quelle: http://www.zwd.info/30-millionen-euro-weniger-fuer-bildung-und-forschung.html

    Änderungsantrag zu 60-7-I-07 erstellen

    Zeile




    AntragstellerInnen



    (wird nicht veröffentlicht)

    (wird nicht veröffentlicht)

    Der fzs schützt die personenbezogenen Daten der Antragsteller*innen und Bewerber*innen. Der fzs wird die von Antragsteller*innen und Bewerber*innen überlassenen Daten vertraulich behandeln und nur im Einklang mit den datenschutzrechtlichen Bestimmungen nutzen. Personenbezogene Daten sind alle Daten, die im Zusammenhang mit dem Namen der Teilnehmer*innen gespeichert sind.

    Text




    Abschicken