57-7-I6 Für einen antifaschistischen Feminismus

AntragstellerInnen:

Ausschuss frauen- und genderpolitik

Der fzs sieht sich als studentischer Verein in der Verantwortung, eine Politik zu betreiben, die jungen Menschen in Bildungsinstitutionen eine Perspektive und Plattform für progressive politische Arbeit ermöglichen kann. Im Lichte der zunehmenden Rechtswendung und des Neo-Faschismus in europäischer und internationaler Politik sind wir als Zusammenschluss von Student*innenschaften gefragt, nicht nur die konkreten Auswirkungen auf bildungspolitische Zusammenhänge zu analysieren, zu benennen und zu bekämpfen, sondern auch in den eigenen Reihen nach den Effekten zu suchen und sie gemeinsam zu verändern.
Zwei wichtige Kennzeichen des Rechtsrucks sind die Ökonomisierung sozialer Zusammenhänge und deren Privatisierung und der Zugriff auf bzw. die Abwertung von Individuen über/durch ihren sozialen Status. Damit gemeint sind konkret die Reproduktion von Geschlechterverhältnissen, in denen Menschen auf ihre sozialen Funktionen als Männer/Frauen reduziert werden, rassistische Mechanismen, die Migration auch in Zeiten von Krieg und Massenvertreibung zusätzlich kriminalisieren, die Verstetigung sozialer und ökonomischer Klassen und deren politische Instrumentalisierung durch rechte Zusammenhänge. Die Normalisierung von eben jenen rassistischen, sexistischen und klassistischen Verhaltensweisen und Verhältnissen hat notwendigerweise die Spaltung von diesen Gesellschaften zur Folge.
Der Zusammenhang zwischen diesen Unterdrückungsmechanismen wird deutlich, wenn wir die Programme rechtskonservativer Parteien in ganz Europa betrachten: Antifeminismus und reaktionäre Familienpolitiken, Islamhetze, Anti-migrationspolitiken und Anti-Abtreibungspositionen gehen hier Hand in Hand mit Privatisierungsmaßnahmen und Leistungsimperativen.
Die Antwort auf dieses Klima kann in Anbetracht jüngster internationaler Entwicklungen nicht mehr auf sich warten lassen.
Sie muss sich ergeben aus einem gemeinsamen Weg des Protests und der Widerständigkeit. Auf diesem Weg können wir lernen, uns auch neu aufeinander zu beziehen. Dafür aber ist es aus unserer Sicht notwendig, verbandsintern ein Vertrauen zu schaffen, das über den rassistischen, sexistischen und leistungsorientierten Alltag hinausgeht, den wir alle erleben. Die Instrumente hierfür sind manchmal einfach, manchmal schwer, mal individuelle, mal kollektive Maßnahmen und sie sind die Grundlage für die Möglichkeit, gemeinsam zu handeln.

Es geht um Strategien wie Quoten und Redelisten, die letztlich doch überwunden werden sollten und könnten, ebenso wie um den bewussten Verzicht auf Formen von Macht und Autorität zugunsten eines respektvollen und gleichberechtigten Umgangs miteinander. Es ist nicht selbstverständlich, dass Frauen, das Migrant*innen, das People of Color, das Arbeiter*innenkinder oder das Menschen der LGBTQI Community oder Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen Teil von politischen Entscheidungsprozessen sein können, ohne immer nur in ihrer *einfachen* sozialen Rolle als ebensolche wahrgenommen zu werden oder Interessenvertretung für diese Rollen machen zu müssen. Dass diese Teilhabe nicht selbstverständlich ist, hat Gründe. Meistens liegen dem die oben beschriebenen strukturellen Hürden ebenso zugrunde, wie die Ausschlussmechanismen in den politischen Gremien und Gruppen selbst. Dazu gehören weithin bekannte Hürden wie die Codifizierung von sozialen Räumen durch Sprache und Verhalten allgemein, vorausgesetztes Wissen und erlernte Verhaltensmuster, die entscheiden, ob jemand geduldet wird oder nicht. Oft ist die Trennlinie zwischen erwünschtem und unerwünschtem Verhalten eben jene Trennlinie, die auch außerhalb gezogen wird. Konkret ist damit gemeint, dass erst dann, wenn es konkrete Menschen gibt, deren Bedürfnisse und Anliegen im politischen Handeln berücksichtigt und diskutiert werden, eine veränderte politische Praxis stattfinden kann, die auch veränderte Verhältnisse zur Folge haben wird.
Um eine solche Praxis zu ermöglichen, müssen wir gemeinsam dafür Sorge tragen, dass Feminismus und Antirassismus nicht Aufgabe von Betroffenen sind, sondern politisches Basisprogramm und ernst gemeintes Anliegen aller Beteiligten werden. So lange dieser Prozess läuft, möchten wir vorschlagen, Mechanismen zu implementieren oder zu erweitern, die zumindest vermeiden können, dass sich ‚einfache‘, alltägliche Formen von systematischer Unterdrückung wiederholen.
Wir gehen davon aus, dass wir alle auf die eine oder andere Weise betroffen sind von den Effekten und Zwängen eines global gewordenen Kapitalismus. Sei es durch öde Lohnabhängigkeit, blöde Geschlechternormen, sinnlosen Kulturalismus, schleichende Klimakatastrophe(n) oder anderen Schmu.
Wie wir das regeln wollen? Erst einmal, in dem wir uns nicht in eine Echokammer einschließen und herumbrüllen. Es ist eine Sache, feministische und antirassistische Positionen als Identitätspolitken und Betroffenheitslogiken zu dulden und moralisch zu unterstützen, eine andere, sie als fundamentalen Bestandteil der eigenen politischen Interessen zu verstehen und dementsprechend konsequent mit einzubringen.

Redeliste

Anmerkung: Redelisten sind Listen, auf die bei Diskussionen die Beteiligten in der Reihenfolge ihrer Meldung aufgeschrieben werden, damit die Moderation oder Redeleitung einen Überblick über die sich beteiligenden Personen hat. Bei einer quotierten Redeliste werden die Diskussionsteilnehmer*innen, die einen Redebeitrag leisten möchten, in (normalerweise) zwei verschiedenen Redelisten erfasst. Die Moderation lässt Leute von beiden Listen abwechselnd zu Wort kommen.
Meistens wird die Redeliste nach Männern* und Frauen* getrennt, was Redebeiträge von Frauen* in Gruppen unterstützen soll.
Andere Quotierungen sind möglich, wie Weiß/People of Color (PoC) oder deutsch-erstsprachig/nicht deutsch-erstsprachig. Auch Erweiterungen wie Frauen*/Männer*/Trans* sind denkbar. Generell kann eine quotierte Redeliste danach strukturiert werden, welche Gruppen im Raum in ihren Redebeiträgen unterstützt werden sollen.
Bei hart qoutierten Redelisten bedeutet das: Wenn die Redeliste der zu unterstützenden Gruppe leer ist, ist die Diskussion beendet.

Ein Instrument, das zunächst einmal strategisch zur Sichtbarmachung der bestehenden Verhältnisse beiträgt, ist die konkrete Umsetzung von Redelisten auf Veranstaltungen.
Die Diskussionen innerhalb des Ausschusses fgp und auf gemeinsamen Veranstaltungen haben deutlich gemacht, dass es durchaus weiteren Bedarf an Maßnahmen für geschlechtergerechte Grundlagen für Diskussionen gibt. Dass aber auch die grundlegenden Mechanismen der Redelisten und damit die Bedingungen der Diskussionen immer wieder neu überdacht und zu einer solidarischen Debatte gestellt werden müssen.

So ist die Aufteilung der Redeliste in Männer- und Frauenliste vs. Männer- und Frauen*liste Gegenstand einer solchen Debatte innerhalb des Ausschusses (gewesen). Dem zugrunde liegt die offene Frage, ob die Zuordnung zu der einen oder der anderen Liste allein auf der Lesbarkeit der zugeordneten Personen von außen, also dem angenommenen Geschlecht basiert (XY wird von der Redeleitung als Frau gelesen und daher auf die Frauenliste gesetzt) oder ob auch Personen deren Geschlecheridentität nicht äußerlich als weiblich lesbar wird, mit auf die Frauenliste aufgenommen werden. Unter anderem zu diesem Zweck wäre das * hinter „Frauen“ sinnvoll. Die Redelisten haben den Zweck, einen strukturellen und strategischen Raum zu schaffen, der es ermöglicht, trotz der herrschenden Geschlechterverhältnisse und der Effekte, die diese auf Individuen und deren Verhalten in Diskussionen und Öffentlichkeit haben, ein gleichberechtigtes Verhältnis zu ermöglichen, in dem alle zu Wort kommen. Die maßgebliche Mitbestimmung von Inhalten durch Frauen soll gewährleistet und latente und explizite Machtverhältnisse infrage gestellt werden.
Da wir davon ausgehen, dass diese Machtverhältnisse im Alltag zu einem signifikanten Anteil auf der äußeren/oberflächlichen Lesbarkeit von Personen als Frauen* basieren, macht es Sinn, dass das ein Kriterium der Zuordnung bleibt. Trotzdem gibt es auch Fälle, in denen dieses Kriterium problematisch, transexklusiv oder einer gemeinsamen politischen Zukunftsvorstellung nicht gerecht wird, in der eben jene binären Zuordnungen obsolet werden. Wir möchten allerdings betonen, dass die ganze Praxis der Listen und deren Notwendigkeit auf eben jenem sexistischen Normalzustand basieren, der auch die Zusammenhänge mitformt, in denen wir uns bewegen. Daher ist es uns ein Anliegen, dass diese aller alltäglichste Form der Ungerechtigkeit Ausdruck in der Redelistenpraxis findet. Das * hinter Frauen* möchten wir aber trotzdem wieder einführen, da es auf die ebenfalls sehr alltägliche Möglichkeit hinweist, diese Geschlechternormen infrage zu stellen. Das * bedeutet für uns: Die Person identitfiziert sich als weiblich und/oder ist betroffen von Sexismus. Letztere Definition beeinhaltet die Tatsache, dass Sexismus ein Mechanismus patriarchaler Gesellschaften ist, der sich gegen jene richtet, deren Attribute hier als weibliche zugeschrieben werden und deren soziale Rolle als solche zu einer Abwertung ihrer Person führt.

Praktisch bedeutet das, dass jene Personen, die sich auf die Frauen*redeliste setzen (lassen), sich damit konkret jener gesellschaftlichen Gruppe zuordnen, die von sexistischen Unterdrückungsmechanismen betroffen ist.
Da diese Unterdrückung einer von außen getroffenen Bestimmung folgt und durchaus nicht immer mit der Innerlichkeit und dem subjektiven Gefühl der Beteiligten zusammenhängt (z.B. gibt es auch männlich gelesene Personen, die sich in Diskussionen benachteiligt fühlen oder zurückhaltend bleiben), finden wir es sinnvoll, dass die Personen auf der Liste selbst Verantwortung dafür übernehmen, sich als weiblich zu identifizieren und andere Benachteiligungsmechanismen an anderer Stelle zu thematisieren und dafür Strategien mitzuentwickeln. Kurz: Die Redeliste verstehen wir hier einzig als Instrument, um dieser spezifisch sexistischen Form von Machtverhältnis, die sich in der abwertenden Zuschreibung von Weiblichkeit ausdrückt, entgegen zu treten.
Uns ist durchaus bewusst, dass die Teilhabe an Diskussionen und politischen Prozessen nicht allein an der Linie des binären Geschlechterverhältnisses bemessen werden kann. Die Effekte der Unterdrückung, Ressourcenverteilung und Sanktionen der Verhältnisse, in denen wir uns bewegen, sind vielfältig.
Gerade in den Räumen und Strukturen, in denen politische Arbeit gemacht wird, sollten wir daher dafür Sorge tragen, dass wir unser Augenmerk auch auf andere Formen der Machtverteilung richten.

Es reicht nicht, „tolerant“ zu sein. Toleranz bedeutet allzu oft die Duldung dessen oder derer, die nicht als „normal“ gelten oder schon unten sind. Auch geht es nicht darum, Menschen zu normalisieren. Stattdessen möchten wir im Sinne einer antifaschistischen Praxis einen Raum schaffen, in dem diejenigen, die es gewöhnt sind, Angst zu haben, sprechen und sein dürfen. Ebenso wie diejenigen, die vielleicht keine Angst vor Diskriminierung haben müssen, dafür aber oft die Freiheit aufgeben, nicht den Normen und Idealen gerecht zu werden, die Tag für Tag von außen an sie herangetragen werden.

Wir wollen daher alle auffordern, sich in der gemeinsamen politischen Arbeit so respektvoll und bewusst wie möglich zu verhalten, nicht, weil es um ein moralisches Gebot geht, sondern um die Frage, welche Zukunft sich aus diesem Umgang heraus gestalten lässt.
Wir hoffen mit dieser Analyse feministische Positionen im Verband zu stärken und auf Einverständis zu stoßen, das über eine einfache Parteinahme „für Frauen“ hinausgeht.
Eine gemeinsame Diskussion um die Erarbeitung neuer Strategien und Mechanismen, die uns helfen können, emanzipatorische politische Postionen in die Tat umzusetzen, steht dabei an aller erster Stelle.

Für die Arbeit der einzelnen Gremien und Ausschüsse wird der Ausschuss frauen- und genderpolitik gebeten, einen Fragebogen zu entwickeln und zur Verfügung zu stellen. An der Erstellung dieses Fragebogen sollen sich möglichst viele Aktive beteiligen, um einen Fragenkatalog zu konzipieren, der die Bedürfnisse des gesamten Verbandes möglichst gut wieder gibt.

    Änderungsanträge

    Zeile AntragstellerInnen Text Begründung Verfahren
    23 Streiche

    Streiche „Islamhetze“ in Zeile 23

    mündlich.
    27 Universität Kassel

    Ergänze: Uns ist bewusst, dass Bildungsinstitutionen ebenso wie unsere Gesellschaft patriarchal geprägt sind. Sexismus ist kein neues Phänomen, es hat durch den zunehmenden Rechtsruck und Neo-Faschismus jedoch einen Rollback in europäischer und internationaler Politik und Gesellschaft gegeben.

    38 Universität Kassel

    Ersetzte “Frauen“ durch “Frauen*“

    40 Universität Kassel

    Ergänze „sogenannte“ nach „Menschen mit“.

    42 Universität Kassel

    Ersetze *einfachen* durch ’einfachen‘

    61 Universität Kassel

    Streiche: ’einfache‘

    63-66mod Uni Vechta

    Modifikationsanträg zum ÄA 63-66:

    Streiche alles, ersetze durch:

    „Wir gehen davon aus, dass wir alle auf die eine oder andere Weise betroffen sind von den Effekten und Zwängen eines global gewordenen Kapitalismus. Sei es durch Lohnabhängigkeit, Geschlechternormen, Kulturalismus, schleichende Klimakatastrophe(n) oder anderes.“

    .
    63-66A2 StuRa Uni Heidelberg

    Streiche Z. 63-66 ersatzlos.

    Erfolgt mündlich.
    63-66mod2 Uni Vechta

    Modifizierungsantrag zum (bereits 1x modifizierten) Änderungsantrag:

    Füge im modifizierten Änderungsantrag am ANFANG die FORMULIERUNG „Streiche und ersetze durch:“ ein, um wieder einen Bezug zum Gesamtantrag herzustellen.

    Der modifizierte modifizierte Änderungsantrag lautet dann:

    Streiche und ersetze durch: “Wir gehen davon aus, dass wir alle auf die eine oder andere Weise betroffen sind von den Effekten und Zwängen eines global gewordenen Kapitalismus. Sei es durch Lohnabhängigkeit, Geschlechternormen, Klturalismus, schleichende Klimakatastrophe(n) oder anderes.“

    KONSEQUENZ: Im Ursprungsantrag sollen die Adjektive in Zeile 63 bis 66 verschwinden. Der modifizierte Änderungsantrag enthielt jedoch keinen Bezug zum Gesamtantrag. Entschuldigung für die Verwirrung!
    63-66 Universität Kassel

    Streiche: “Wir gehen davon aus, dass wir alle auf die eine oder andere Weise betroffen sind von den Effekten und Zwängen eines global gewordenen Kapitalismus. Sei es durch öde Lohnabhängigkeit, blöde Geschlechternormen, sinnlosen Kulturalismus, schleichende Klimakatastrophe(n) oder anderen Schmu.“

    112 Universiät Kassel

    Ersetzte: “Frauen“ durch “Frauen*“

    126 fgp

    anstelle von “Das * bedeutet für uns:“

    “Das * in der quotierten Redeliste bedeutet für uns:“

    Es wird deutlich, dass diese Definition nur für die Redelisten Gültigkeit beansprucht.
    161 Universität Kassel

    Ergänze nach “alle“: im Verband

    171-175 fgp

    Der Absatz wird verschoben in Zeile 160, nach “herangetragen werden.“

    Der Absatz wird verändert in:

    “Zur Erweiterung der Maßnahmen gegen Diskriminierung und Ungleichheit neben der quotierten Redeliste setzt der fzs folgende Maßnahmen durch: Damit Personen auf Veranstaltungen des fzs nicht mit den falschen Pronomen angesprochen werden, wird in Zukunft auf Namensschildern des fzs für jede (!) Teilnehmer*in das selbst gewählte Pronomen der Person angebenen. Damit sollen Cis-Normen sichtbar und hinterfragbar gemacht werden. Zur Selbstreflektion und um herauszufinden welche Probleme in Bezug auf Diskriminierungsstrukturen in der Gesellschaft und damit auch im Verband vorhanden sind, wird der Ausschuss frauen- und genderpolitik gebeten, einen Fragebogen zu entwickeln und zur Verfügung zu stellen. Anhand des Fragebogens sollen konkrete Bedürfnisse bemerkt und weitere Maßnahmen zur Veränderung und Bekämpfung von Diskriminierung und Ungleichheit erarbeitet werden. Es ist außerdem sinnvoll die Debatte zur Quotierung von Delegationen weiterzuführen und darin auf die Ergebnisse des Fragebogens aufzubauen.

    Das Geschlechterverhältnis ist nur eines von vielen Ungleichheitsverhältnissen. Wir verstehen die genannten Maßnahmen als Teil eines unabgeschlossenen Prozesses die Probleme intersektional zu begreifen und Ungleichheit anzugehen.“

    Ergänzung

    Änderungsantrag zu 57-7-I6 erstellen

    Zeile




    AntragstellerInnen



    (wird nicht veröffentlicht)

    (wird nicht veröffentlicht)

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